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„Cold Fusion“, Langkofel

Wagmutiges Abenteuer an der Ostwand des Langkofel‘s: Am 01. und 02. März 2012 gelang Wolfgang Hell und Pavol Rajcan eine Wintererstbegehung am Langkofel.

Jedes Mal wenn wir in die Dolomiten fuhren und dort das Massiv überquerten, zog der mystische Langkofel unsere Blicke an; vor allem die rund 1000m hohe Ostwand. Der Langkofel bietet mit seinen strukturierten Wänden, Kanälen und Rissen viele logische Linien. Eine Vielzahl an Routen wäre dort möglich.
Gröden, und insbesondere der Langkofel, ist eine der wenigen Inseln in den Dolomiten mit traditioneller Klettergeschichte, denn Erstbegehungen fanden hier nur in diesem Stil statt. Eine der ersten Begehungen ist zum Beispiel die viel begangene „Pichl-Kante“ an der Nordwand. Außerdem ist der Langkofel durch seine schwierige Absicherungsmöglichkeit und nicht allzu gute Felsqualität bekannt.

Im Winter bekommt der Langkofel ganz ein anderes Gesicht. Es entstehen hunderte Ablagen von Eis, es bilden sich Eisfälle und Schneefelder, welche sich mit den Felspassagen perfekt verbinden. Somit entstehen neue Dimensionen für neue Begehungen im Winter.

So studierten wir im Spätherbst immer wieder die Ostwand, bis es uns endlich gelang, eine eventuell mögliche Eisfallroute in Kombination mit Felspassagen zu entdecken. Auf jeden Fall wollten wir es versuchen. Leider war gerade dieser Winter sehr trocken und die Begehung musste sich in die Warteschleife einreihen.
Doch dann kam ein Tag Ende Februar, genauer gesagt der 18. an dem wir es zumindest bis zum ersten Schneefeld versuchen wollten. Die erste Seillänge stellt sich als nicht wirklich schwer heraus. Es ist herrlichstes Eis und wir waren überglücklich. Doch der Schlag ins Gesicht kam direkt danach. Die zweite Seillänge holte uns in die Realität zurück: eine schwere Traverse auf einer glatten Platte. Dank der Steigeisen konnte man auch die winzigsten Löcher ausnutzen. Weiter ging es mit einem 90 Grad Abschnitt, der mit einer 3cm dicken Eisglasur, wie Zuckerguss, überzogen war. Absichern war Luxus!!! Mal um mal setzten wir sachte unsere Eisgeräte, bis uns nur noch einige Meter bis zum voraussichtlichen Standplatz trennten – gerettet. Diese Seillänge, welche wir als M7 einstuften, verlangte sehr viel psychische Kraft von uns ab.
Wir kamen nur sehr langsam voran, denn wir hatten den beschwerlichen Aufstieg des Nachsteigers, der den 15kg schweren Rucksack auf dem Rücken trug, unterschätzt. Nach 5 Stunden Aufstieg hatten wir noch nicht einmal ein Drittel der Wand bewältigt. Wir waren müde und etwas verunsichert und entschließen uns, abzuseilen. Dabei fiel uns eine direkte Aufstiegsmöglichkeit, nòrdlich unseres Einstiegs, ins Auge. Beim nächsten Versuch wollten wir diese Variante in Betracht ziehen.

Am ersten Tag im März brachen wir wieder auf. Es war noch dunkel, als wir beim Sellajoch-Haus vollbeladen starteten. Über dem Skiweg kamen wir schnell voran. Danach ging’s schon sehr viel langsamer. Durch die Schneeverfrachtungen der letzten Tage hatte sich die Lawinenlage zugespitzt und zudem brachen wir knietief ein.
Diesesmal versuchten wir es nun über den direkten Weg, über die großen Eisfälle. Doch schon gleich wurde uns klar, dass wir diese letztendlich doch umgehen mussten, denn die letzten Tage waren sehr warm und das Eis war durch die Luftkanalbildung zwischen Fels und Eis nicht mehr kompakt. Es blieb uns nichts anderes übrig, als unsere Linie über Felspassagen zu starten. Das Klettern mit Bergschuhen auf Fels war nicht gerade einfach.
Der Langkofel-Fels ist zwar strukturiert, dennoch ist es teilweise unmöglich, eine zuverlässige Zwischensicherung anzubringen. Das verlangsamte natürlich wieder unser Vorhaben.
Die Vierte Seillänge führte über einen beeindruckenden Überhang, der komplett durchnässt und sehr brüchig war. Viele Versuche einen Nagel zu schlagen scheiterten, somit wurde die Situation brenzlig. Aber es gelang uns doch. Als dann zwei Nägel eine einigermaßen gute Position gefunden hatten, konnten wir die Begehung fortführen. Alles ging wie geschmiert. Aber jetzt musste der Nachsteiger mit dem schweren Rucksack noch hoch. Das Vorhaben gestaltete sich erneut als sehr schwer, denn die 15kg auf dem Rücken vervielfachten die Gravitationskraft Richtung Tal. Es war wirklich ein schweres Stück Arbeit mit dem Rucksack zu klettern, auch wenn es nur im Nachstieg war. Doch geistesanwesend, schafften wir es.
Darauf folgte eine einfachere Seillänge, die uns wieder mutiger werden ließ.
Wir stiegen nun in zwei Kaminsystem-Seillängen ein, die etwa 130m lang waren. Der Kamin ist im Laufe der Zeit durch das ablaufende Wasser komplett glatt geschliffen worden. Positive Griffe waren zu vergessen. Dazu kam noch, dass hier im 90 Grad steilen Gelände kein Eis war, sondern nur eingeblasener Schnee. Da der Schnee nur ca 30 % des Körpergewichtes hält bevor man durchbricht, war überlegtes Klettern angesagt. Hinzu kam, dass die Eispickelspitzen keinen vernünftigen Halt fanden. Ganz zu schweigen davon, eine vernünftige Position für eine Zwischensicherung zu finden. Wir hatten das übliche Problem, nur ganz langsam voran zu kommen und merkten, wie die Dämmerung herein brach. Die Anfangsidee, schneller zu sein als der Einbruch der Dunkelheit, ging nur zur Hälfte auf. Denn nur der Vorsteiger schaffte es, den Kamin mit der dünnen Eisschicht hinter sich zu lassen und das erhoffte Schneeband zu erreichen, bevor man so gut wie nichts mehr sah.



Noch nie war das Nachsteigen so schwer. Es war nicht nur ein Kampf mit dem Gewicht des Rucksacks, sondern nun kam noch das Hindernis der Enge des Kamins dazu und man musste mit der Stirnlampe die kleinen Griffe und Tritte finden. Aber wir schafften es, erschöpft aber glücklich.
Auf dem Schneeband machten wir einen ordentlichen Stand, den wir später zum Biwakieren benötigten. Dort gruben wir noch einen flachen Absatz in den Schnee, wo wir die Nacht verbringen konnten. Endlich hatten wir es einigermaßen gemütlich, schmelzten Wasser für heißen Tee und kochten Reis, den wir mit konserviertem Thunfisch aßen – bei diesem Ambiente mit herrlichstem Ausblick schmeckte es natürlich besser.

Der zweite März, ein wunderschöner Sonnenaufgang, keine Wolke und die Sonne brallte mit voller Kraft auf uns ein. Wir waren hoch motiviert. Es ging los mit einem Quergang im Schneefeld, bis wir den Eisfall erreichten, den wir schon von ganz unten im Visier hatten. Aber leider war auch dieser instabil durch die warmen, vorhergehenden Tage, die hohe Temperaturen und kräftige Sonneneinstrahlung mit sich gebracht hatten. Es blieb uns nichts anderes übrig, den Eisfall wieder zu umgehen und daneben auf diesmal gutem Fels hochzuklettern.
Die folgende Seillänge brachte uns zur Abwechslung einen super Eisfall im Schwierigkeitsgrad WI 5+. Leider hatten wir ein bisschen Pech, denn dem Vorsteiger löste sich auf der Hälfte des Eisfalls ein Steigeisen. Glück im Unglück, blieb es Gott sei Dank am Bergschuh hängen. Ihm blieb nichts anderes übrig als wieder zurück zum letzten Trottoir zu klettern, um das Eisen dort noch mal neu zu fixieren.



Nun erwartete uns noch der schwerste Teil unseres Abenteuers. Auf ging’s in ein Couloir. Aber schon beim ersten Schlag mit dem Pickel kamen uns Unmengen von Eis entgegen, also mussten wir wieder auf den Fels ausweichen. Nach 15 Klettermetern kam ein Riss, der uns eine Möglichkeit gab, endlich eine Zwischensicherung anzubringen. Auch das Hakenschlagen selbst gestaltete sich als extrem schwierig, da es ein Schwierigkeitsgrad von M8 nicht zulässt, beide Hände frei zu haben. Der erste Haken fiel sofort runter, der zweite ging nur bis zur Hälfte rein. Was aber in unserem Fall immer noch besser war, als gar nichts. Wir wollten keine Zeit verlieren und versuchten uns auf‘s Wesentliche, also das Klettern, zu konzentrieren.
Nach weiteren 10 Metern kam endlich eine Sanduhr. Diese war allerdings so klein, das es fast unmöglich war, dort die Kevlarschnur einzufädeln. Mit viel Zittern gelang es dennoch beim fünften Versuch.
So langsam hielten wir beim Weiterklettern auch schon Ausschau auf den nächsten Standplatz. Doch so einfach war es nicht. Es fand sich kein geeigneter Platz und wir waren schon nahe am Verzweifeln. Nach langem hin und her gelang es dem Vorsteiger endlich einen „extrem kriminellen“ Standplatz einzurichten. Detailliert heisst das: der Stand hatte zwar 5 Verbindungspunkte, doch der beste war ein Friend, der nur auf 3 Kammern halt gefunden hatte.
Gut, dass man als Vorsteiger nicht gleich immer alles ganz genau weiß!! Endlich hatten wir die zwei schweren und heiklen Seillängen hinter uns gebracht.
Aber dies war noch nicht das Ende des Abenteuers, denn nun öffnete sich vor uns ein Labyrinth aus Türmen und Kanälen und den richtigen Weg zu finden war herausfordernd genug. Wichtig war die Kontrolle nicht zu verlieren und die Übersicht zu bewahren, um die geeignete Linie zu finden.



Nach jeder Seillänge hofften wir, endlich den Gipfel zu sehen, doch das ließ noch einige Seilzüge auf sich warten.
Das Schicksal meinte es noch mal gut mit uns, denn pünktlich mit der Abenddämmerung konnten wir den Gipfelerfolg für uns punkten. Seelig reichten wir uns die Hände und genossen den Augenblick.

Eigentlich hätte dieser Moment mehr Zeit verdient, aber wir konnten es uns einfach nicht leisten. Wir mussten einen geeigneten Biwackplatz finden.
Zum Trinken gab es an diesem Abend leider nichts, da dieses Biwak nicht eingeplant war und wir somit das Gas am Vortag aufgebraucht hatten. Ebenso mager schaute es mit dem Essen aus. Die Reserven gingen irgendwo in der Wand verloren. Nachts über hatten wir Krämpfe, da wir untertags nur etwa einen halben Liter pro Kopf getrunken hatten und auch die Nahrungszufuhr nicht sehr umfangreich ausfiel. An‘s Schlafen war gar nicht zu denken; eher hofften wir auf die Morgendämmerung.
Da wir am nächsten Tag zur Arbeit mussten, standen wir bereits vor Sonnenaufgang auf, um mit der Stirnlampe den richtigen Weg für den Abstieg zu finden. Intuitiv entschieden wir uns für die größte Rinne und stiegen dort südwestseitig ab. Doch nach 400m war das Schneefeld plötzlich zu Ende und vor uns tat sich der Abgrund ins Leere auf. Wir hatten die falsche Rinne genommen.
Doch wie vom Himmel gefallen, war an einem Pfeiler vor uns auf einmal ein Stand zu sehen. Völlig erleichtert seilten wir ab; mit der Hoffnung auf weitere dieser Möglichkeiten. Und tatsächlich waren wir auf einen Eisfall gestoßen, mit mehreren Seillängen, wo wir bis zum Einstieg des Normalwegs der Südwand, abseilen konnten. Nach einem kurzen Anstieg zur Demetzhütte liefen wir geradewegs zum Auto, um zwar nicht pünktlich, da es sowieso schon zu spät war, aber dennoch zur Arbeit zu kommen.

Zurückblickend waren es zwei unvergessliche Tage.
Dieser Grenzgang verlangte von uns all unsere physischen und psychischen Kräfte ab. Unbezahlbar dabei war das gegenseitig gebrachte Vertrauen, der den Mut in uns erhalten hat. Durch dieses Abenteuer sind wir als Freunde noch mehr zusammengeschmolzen. Daher gaben wir dieser wunderschònen Linie den Namen „Cold Fusion“. Bestimmt werden wir noch oft daran denken und es in unseren Träumen durchleben.
Wir sind sehr stolz, dass wir es schafften onsight eine klassische alpine Winterbegehung zu machen.

„Cold Fusion“, 7- M8 WI 5+, 950 m, 1.- 2. 03. 2012, Wolfgang Hell und Pavol Rajcan. Benòtigtes Material: 9 Nàgel (davon haben wir 3 in der Route hinterlassen), vollstàndiges Set Friends, 8 Bandschlingen, 8 Eisschrauben, 12 Expressschlingen und 2x60 m Seil.

Wir danken den Firmen Skylotec, Sportland und Mountain Spirit fùr ihr Vertrauen und ihre materielle Unterstùtzung.

Wolfgang und Pavol